Jungbauern-Studienreise 2019: Aserbaidschan und Georgien – Landwirtschaft zwischen Kaspischem Meer und Kaukasus

28. August 2019

Aufbruchsstimmung. Damit lässt sich die Situation des land- und forstwirtschaftlichen Sektors in Aserbaidschan und Georgien wohl sehr gut zusammenfassen. Im Rahmen der jährlichen Studienreise der Österreichischen Jungbauernschaft verschafften sich 26 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen vertieften Blick in eine Weltregion, die bislang nur den wenigsten ein Begriff war. Ausgehend von Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, quer durch das Landesinnere Richtung Georgien und der Hauptstadt Tiflis sollte die Reise bis zur russischen Grenze führen.

Baku präsentiert sich als junge und moderne Stadt, die zugleich nicht auf ihre historischen und kulturellen Wurzeln vergisst. Am Stadtbild mit ihren unzähligen imposanten Bauten und beim Blick auf das Kaspische Meer zeigt sich schnell der wichtigste Wirtschaftssektor des Landes: Erdöl und Erdgas. Bis vor wenigen Jahren war die Wirtschaft des Landes fast vollständig darauf ausgerichtet, seit dem Einbrechen des Ölpreises 2014/15 setzt man verstärkt auf andere Sektoren. So hat die Ausrichtung des Eurovision Song Contests 2012 für einen gesteigerten Bekanntheitsgrad gesorgt, die Zahl der ankommenden Touristen steigt kontinuierlich. Um erste landwirtschaftliche Strukturen zu erkennen, muss man ein ganzes Stück aus der Hauptstadt rausfahren. Zwischen den vielen extensiv gehaltenen Rinder- und Schafherden, die unbekümmert über Straßen und durch Dörfer laufen, und der fast schon steppenartigen Landschaft erkennt man aber: hier tut sich etwas. Bestes Beispiel dafür ein hochmotivierter Jungbauer, der seit einigen Jahren auf Wein, Obst, Mais, Zwiebel und einige weitere Kulturen wie auch auf Saatgutvermehrung setzt. Auch der Besuch eines Imkers, der sich mit anderen Landwirten zu einer Erzeugergemeinschaft und einer Art „Genussregion“ zusammengeschlossen hat, zeigt, dass sich die Landwirtschaft in Aserbaidschan im Aufwind befindet. Insbesondere im Bereich Obst und Gemüse setzt man seitens der Regierung verstärkt auf den Export und forciert Betriebe in größerem Stil.

Die karge Landschaft ändert sich bis zur georgischen Grenze kaum, ausgetrocknete Flussbetten prägen häufig das Bild, die vereinzelten Rinnsale werden erst wieder mit dem Niederschlag und der Schneeschmelze im Frühjahr zu ausgewachsenen Gewässern. Jenseits der Grenze begleiten uns weiterhin Rinderherden, Tiere und Fahrer sind daran bestens gewohnt, was ein unfallfreies Vorankommen sicherstellt. Georgien gilt als eines der Ursprungsländer des Weinbaus, auf die Produktion in sogenannten Quevri-Krügen ist man besonders stolz, was beim Gespräch und einer Verkostung mit einem jungen Winzer nicht zu überhören ist.

Im direkten Vergleich zu Aserbaidschan fällt bei der weiteren Entdeckungsreise durch Georgien auf, dass der Tourismus hier eine deutlich größere Rolle spielt. Einerseits tummeln sich in der quirligen Hauptstadt Tiflis wesentlich mehr internationale Gäste, andererseits wurde und wird in Schigebiete im Kaukasus intensiv investiert. Selbiges gilt, zumindest dem Eindruck der Reisegruppe nach, für das Thema zukunftsfähige Land- und Forstwirtschaft. In den Gesprächen mit Vertretern des Landwirtschafts- und zugleich Umweltschutzministeriums werden etwa die Eindämmung der weit verbreiteten illegalen Holznutzung oder die Erhöhung der Selbstversorgungsquoten bei Getreide (aktuell rund 30%) und Fleisch (rund 50%) betont. Für positive Impulse sollen dabei die weitere Privatisierung und die Nutzbarmachung der landesweit rund 50% brachliegenden Fläche genauso wie eine gezielte Investitionsförderung und der Aufbau von Genossenschaften sorgen. Zu betonen ist hier insbesondere die starke EU-Orientierung Georgiens, etwa im legistischen Bereich, wie auch die intensive Zusammenarbeit mit Österreich. Der EU-Beitritt ist das langfristige und erklärte Ziel.

Auf privater Ebene findet man eine Vielzahl an agrarischen Initiativen und Innovationen. Das zeigt etwa ein Betrieb, der sich auf die Produktion von Rosenöl und Haselnüssen spezialisiert hat, oder ein Hof, der als einer von landesweit ganz wenigen mit Holstein-Kühen arbeitet. Der Beratungs- und Bildungsbereich befindet sich in Aserbaidschan wie auch in Georgien im Aufbau. Land- und forstwirtschaftliche Schulen und Universitäten sind zwar teilweise vorhanden, die Qualität der Ausbildung ist laut Regierungsvertretern aber noch nicht zufriedenstellend. Vereinzelt hört man immer wieder, dass der Niedergang der Sowjetunion auch zum Niedergang dieser Strukturen geführt hat. Ein großes Problem für die weit verbreitete extensive Viehwirtschaft stellen die täglichen Angriffe durch Wölfe, Schakale und Bären dar, bei denen bereits drei Menschen zu Tode gekommen sind. Wölfe und Schakale sind in Georgien zum Abschuss freigegeben.

Fragt man nach dem Image der Landwirtschaft und dem Ansehen der Bäuerinnen und Bauern in der Bevölkerung, bekommt man eine überraschende Antwort: in Georgien unterscheidet man nämlich zwischen Bauern und Landwirten. Der einfache Bauer, der mit wenigen Tieren und wenig Fläche als Selbstversorger lebt, genießt laut Aussage kein hohes Ansehen. Der Landwirt hingegen, der eine Ausbildung absolviert hat, mehr Tiere und Fläche hat und seinen Betrieb auf Wachstum und intensivere Produktion ausgerichtet hat, genießt in der Bevölkerung einen guten Ruf.

Agrotourismus, zu dem man unsere Studienreise wohl zählen kann, befindet sich in beiden Ländern noch in den Kinderschuhen, hat aus unserer Sicht aber großes Potential. Für manche Betriebe waren wir die erste (internationale) Besuchergruppe, was sich auch an der großen und ansteckenden Begeisterung und Freude zeigte, mit der uns die Landwirtinnen und Landwirte empfangen haben. Die kulinarische, kulturelle und vor allem land(wirt)schaftliche Vielfalt Aserbaidschans und Georgiens ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

Artikel: Andreas Kugler

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